Aggressionsverhalten
Übersicht zum Aggressionsverhalten beim Hund – Definition, Formen und Ursachen
Was bedeutet Aggression?
Einführung
Aggressionsverhalten gehört zum ganz normalen Verhalten von Hunden. Es ist weder „böse“ noch ein Zeichen dafür, dass mit dem Hund „etwas nicht stimmt“. Aggression ist vielmehr ein Ausdruck von Emotion, ein Kommunikationsmittel und eine Möglichkeit, auf die Umwelt Einfluss zu nehmen.
Entscheidend ist in welcher Situation und warum. Ein Knurren, Abschnappen oder Abwehren kann vollkommen angemessen sein – zum Beispiel, wenn ein Hund bedrängt wird oder sich bedroht fühlt.
Problematisch wird Aggression erst dann, wenn sie unangemessen stark, häufig, unkontrolliert oder außerhalb passender Situationen auftritt.
Aggressives Verhalten ist immer eine Reaktion auf eine für den Hund bedeutsame Situation, etwa:
• Angst oder Unsicherheit
• Überforderung oder Stress
• Frustration
• soziale Konflikte
Das können andere Hunde, Menschen, Gegenstände oder bestimmte Situationen sein.
Aggression beginnt dabei nicht erst beim Beißen.
Sie umfasst auch:
* körpersprachliche Warnsignale
* Drohfixieren oder Anspannen
* Knurren oder Bellen
* Abwehrbewegungen
Wichtig:
👉 Aggression ist keine Charaktereigenschaft.
👉 Ein Hund ist nicht „aggressiv“.
👉 Er verhält sich in einer bestimmten Situation aggressiv.

Die zwei grundlegenden Aggressionsformen beim Hund: offensiv und defensiv

Defensive Aggression – „Geh bitte weg“
Defensive Aggression dient der Abwehr. Der Hund möchte Abstand herstellen, weil er sich bedroht oder bedrängt fühlt.
Beispiele:
• Ein Hund knurrt, wenn ein anderer Hund ihm zu nah kommt
• Abschnappen beim Festhalten oder Fixieren
• Drohen, wenn die eigene Individualdistanz unterschritten wird
➡️ Ziel: Selbstschutz, Distanz schaffen, Gefahr beenden
➡️ Beispiel:
Ein Hund knurrt, wenn ihn jemand ungefragt umarmt.
Körpersprache:
← alles nach hinten
⬅️ Körperschwerpunkt: nach hinten
⬅️ Blick: nicht fixierend
⬅️ Ohren: nach hinten
⬅️ Schnauze: zurückgezogen
⬅️ Maul: weit offen
⬅️ Zähne: Backenzähne sichtbar
⚠️ Signal: „Ich will Abstand.“

Offensive Aggression – „Ich setze mich durch“
Hier geht es um aktive Durchsetzung. Der Hund geht nach vorne, um eine Situation zu kontrollieren.
Beispiele:
• Ein Hund vertreibt einen anderen aus einem Bereich
• Blockieren von Wegen
• aktives Vorwärtsdrängen
➡️ Ziel: Kontrolle über Situation oder Ressource
➡️ Beispiel:
Ein Hund drängt einen Artgenossen vom Lieblingsplatz weg.
🔴 Körpersprache:
→ alles nach vorne
➡️ Körperschwerpunkt: nach vorne
➡️ Blick: stechend, fixierend
➡️ Ohren: nach vorne
➡️ Schnauze: Spannung
➡️ Nasenrücken: gekräuselt
➡️ Maul: geschlossen
➡️ Zähne: vorne sichtbar
🛑 Signal: „Geh weg.“

Territoriale Aggression – „Das ist mein Bereich“
Diese Aggression richtet sich auf einen räumlichen Bereich, z. B. Wohnung, Garten oder Auto.
Beispiele:
• Bellen oder Drohen am Gartenzaun
• Aggressives Verhalten im Auto
• stärkere Reaktionen, je näher jemand kommt
➡️ Ziel: Sicherung eines Raumes
➡️ Wichtig: Das ist keine bewusste Wachsamkeit oder Schutzarbeit, sondern instinktive Raumverteidigung.

Ressourcenbezogene Aggression – „Das gehört mir“
Der Hund verteidigt etwas Wertvolles.
Beispiele:
• Knurren am Futternapf
• Verteidigen von Kauartikeln oder Liegeplätzen
• Konflikte um Nähe zu einer Bezugsperson
➡️ Ziel: Zugang behalten, Verlust vermeiden
➡️ Beispiel:
Ein Hund knurrt, wenn ein anderer sich seinem Knochen nähert.

Status- oder Dominanzaggression – soziale Ordnung
Regulation sozialer Beziehungen, nicht der Machtausübung.
Beispiele:
• Eskalationen bei wiederholten Grenzüberschreitungen
• Konflikte bei unklarer sozialer Struktur
➡️ Ziel: Stabilisierung sozialer Ordnung
❗ Kein Machtstreben, kein „dominanter Charakter“

Schutz- bzw. Fürsorgeaggression – Schutz für andere
Beschützen Dritter.
Beispiele:
• Aggressives Verhalten im Zusammenhang mit Welpen
• Abwehr bei wahrgenommener Bedrohung eines Sozialpartners
➡️ Ziel: Gefahrenabwehr für andere

Angstbedingte Aggression
Der Hund fühlt sich bedroht und sieht keine Fluchtmöglichkeit.
Beispiele:
• Sich von oben nähernde Hand wirkt bedrohlich.
• Hund geht bellend nach vorne, weil er sich in die Enge getrieben fühlt.

Frustrationsbedingte Aggression
Etwas haben wollen, es aber nicht erreichen können.
Beispiele:
• Leine verhindert Kontakt
• Reize sind sichtbar, aber unerreichbar
Typisch bei sogenannter Leinenaggression.

Stress- und Überlastungsaggression
Chronischer Stress senkt die Reizschwelle.
Ursachen:
• zu viele Reize
• zu wenig Ruhe
• dauerhafte Überforderung

Schmerzbedingte Aggression
Schmerzen machen reizbar und defensiv.
Ursachen:
• orthopädische Probleme
• neurologische Erkrankungen
• innere Erkrankungen
➡️ immer tierärztlich abklären

Affektive Aggression
Sehr impulsiv, schnell eskalierend, mit wenig Vorwarnung.
Beispiel:
Ein Hund reagiert explosionsartig bei hoher Erregung.
Affektive Aggression beschreibt keinen eigenständigen Aggressionstyp, sondern den inneren Erregungszustand, unter dem aggressives Verhalten auftreten kann.
In diesem Zustand ist die Selbstregulation stark eingeschränkt; Auslöser können Angst, Frustration, Schmerz oder soziale Konflikte sein.
Entscheidend ist nicht der Affekt selbst, sondern die zugrunde liegende Ursache.

Soziale und relationale Aggression
• Entsteht aus Beziehungen zwischen Hunden oder zwischen Hund und Mensch
• Richtet sich gezielt gegen bestimmte Hunde oder Personen
• Der Hund versucht, Abstand, Nähe oder Ordnung zu regeln
Körpersprache: Blockieren, Fixieren, Drohen, Vertreiben
Keine Charaktereigenschaft, sondern situationsabhängig
Instrumentelle Aggression
Der Hund hat gelernt: Aggressives Verhalten führt zum Ziel.
Beispiel:
• Der andere geht weg, der Hund bekommt Ruhe
Das Verhalten wird gezeigt, weil es funktioniert
Reaktive Aggression
Unmittelbare Reaktion auf einen bestimmten Auslöser
Beispiel:
• bei Angst
• Überforderung
• Frust
Der Hund reagiert impulsiv, ohne nachzudenken
Proaktive Aggression
• Gezieltes, geplantes Vorgehen
• Der Hund handelt bewusst, um etwas zu erreichen
Beim Hund selten, kommt aber vor
Umgeleitete Aggression
• Der eigentliche Auslöser ist nicht erreichbar
• Die Aggression entlädt sich an einem anderen Ziel
Häufig bei Leinenproblemen oder starker Erregung
Kann sich gegen andere Hunde oder gegen Menschen richten

Gruppengerichtete Aggression
Richtet sich gegen Fremde oder Außengruppen.
Fazit: Es gibt keine aggressiven Hunde – Aggression ist keine Charaktereigenschaft.
Es gibt Hunde, die in bestimmten Situationen aggressive Verhalten zeigen.
Ursachen:
• Angst
• Überforderung
• Erlernt
• Erfolg
Aggression ist:
• kontextabhängig
• erklärbar
• keine Charaktereigenschaft
• kein moralisches Problem

Ursachen und Auslöser
Meist wirken mehrere Faktoren zusammen:
• individuelle Veranlagung
• Stress und Angst
• Lernerfahrungen
• Umweltbedingungen
Warum Aggression sinnvoll sein kann
Aggression dient:
• dem Setzen von Grenzen
• dem Selbstschutz
• der Sicherung wichtiger Ressourcen
Problematisch wird sie nur, wenn sie dauerhaft, unkontrolliert oder unangemessen auftritt.
Was im Körper dabei passiert
Aggression hängt eng zusammen mit:
• emotionaler Bewertung im Gehirn
• Stresshormonen
• Erregungsniveau
Aggression ist ein Zusammenspiel aus Emotion, Körper und Situation.
Fachlich sinnvoller Umgang
Ein verantwortungsvoller Umgang bedeutet:
- Ursachen verstehen
- Auslöser managen
- Emotionen verändern und Alternativen aufbauen
- keine Bestrafung, da sie Angst und Stress verstärkt

Jagdverhalten ist keine Aggression – und deshalb so gefährlich


Jagdverhalten wird häufig mit Aggression verwechselt, ist fachlich jedoch ein eigenständiges Verhaltenssystem.
Aggression dient der Distanzregulation: Ein Hund droht, warnt oder wehrt ab, um Abstand herzustellen oder einen Konflikt zu lösen.
Jagdverhalten verfolgt das Gegenteil: Distanz verringern, verfolgen, greifen – mit dem biologischen Endpunkt Töten.

Im Unterschied zur Aggression läuft Jagdverhalten ohne soziale Kommnikation ab.
• keine Warnsignale
• kein Drohen und keine Konfliktlösung
• Der Hund handelt reflexhaft.
• Angriffe erfolgen überraschend und unerwartet als Überfall.
Warum Jagdverhalten so gefährlich ist:
Jagdverhalten wird vor allem durch Bewegungsreize ausgelöst:
schnelle Bewegung
fluchtartige Muster
abrupte Richtungswechsel
Deshalb sind besonders gefährdet:
Jogger
Radfahrer
rennende oder spielende Kinder
kleine Hunde
- Haustiere
- Wildtiere
Weil sie unabsichtlich ein Beuteschema auslösen.
Jagdverhalten ist hoch automatisiert und stoppt nicht durch Schreien, Unterwerfung oder soziale Signale.
Kein Aggressionsproblem, sondern Jagdverhalten
Viele schwere und tödliche Vorfälle entstehen nicht aus Aggression, sondern aus ungebremstem Jagdverhalten.
Der Hund fühlt sich nicht bedroht und ist nicht „wütend“ – er folgt einer biologisch verankerten Handlungskette, deren Endhandlung das Töten ist.
Wichtigster Risikofaktor: schlechte Sozialisation
Der größte Risikofaktor ist unzureichende Sozialisation, insbesondere:
fehlender Kontakt zu Kindern
fehlende Gewöhnung an Jogger und Radfahrer
fehlende Einordnung von Bewegung im sozialen Kontext
- Fehlende Sozialisierung auf Artgenossen und andere Tiere
Ein schlecht sozialisierter Hund erkennt kein Kind, keinen Jogger und keinen kleinen Hund – sondern nur Beute.
Wichtig:
👉 Jagdverhalten ist keine Aggression.
👉 Und genau deshalb ist es besonders gefährlich.
Es handelt sich um ein eigenständiges Verhaltenssystem mit klarer Endhandlung, fehlender sozialer Bremse und hoher Auslösung durch Bewegung.
In der folgenden Linkliste finden Sie ausgewählte fachliche Informationen zum Aggressionsverhalten von Hunden.

In der folgenden Linkliste finden Sie ausgewählte fachliche Informationen zum Aggressionsverhalten von Hunden.
Das Märchen von der "Dominanz" geistert leider immer noch in einigen Hundetrainer- und Hundehalter-Kreisen:
https://kyno-logisch.jimdo.com/wissenswertes/die-dominanztheorie-mythos-und-wirklichkeit/
Studie: Fettsäuren und Verhalten bei Schäferhunden
In einer Studie aus Italien untersuchten Forschende der Universität Pavia Deutsche Schäferhunde mit und ohne aggressives Verhalten. Sie verglichen dabei den Gehalt verschiedener Fettsäuren im Blut.
Dabei fanden sie:
- Aggressive Hunde hatten deutlich niedrigere Werte von Omega-3-Fettsäuren im Blut als Hunde ohne auffälliges Verhalten.
- Gleichzeitig war bei diesen Hunden das Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren höher, weil Omega-3 niedriger war.
- Zusätzlich wiesen die aggressiven Hunde niedrigere Cholesterin- und Bilirubinwerte auf als die Vergleichshunde.
Die Forscherinnen und Forscher sehen darin Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung der Fettsäuren und der Fettstoffwechsel mit dem Verhalten zusammenhängen kann.
Training mit Hund, der sich mit Aggressionsverhalten gegen das kürzen der Nägel wehrt.
Verhaltenstherapeutisches Training gegen Futteraggression. Hier wird Vertrauen aufgebaut, denn Bestrafung fördert Angst und Aggression.
Hier einiges zum Thema Aggressionsverhalten:
Zusammenhänge zwischen Aggressionsverhalten und unterschiedlicher Einschränkung des Hundes. INAUGURAL-DISSERTATION zur Erlangung des Grades eines Doktors der Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin vorgelegt von Ulla Olsen Tierärztin Wer nicht alles lesen möchte, bitte unbedingt die „Zusammenfassung“ und zusätzlich „Diskussion“ lesen.
Dürfen Hunde knurren?
https://www.verhundst.at/2017/06/28/d%C3%BCrfen-hunde-knurren/
Was ist Aggression und wie geht man damit um. Sehr guter Artikel:
Neurophysiologische Grundlagen von Suchtverhalten und mangelnder Impulskontrolle:
Verhaltenstherapeutische Studie zum Einfluss der Haltermotivation auf die Reduktion der Hund-MenschAggression oder der Hund-Hund-Aggression durch Rangreduktion und Gegenkonditionierung
Inaugural-Dissertation zur Erlangung der tiermedizinischen Doktorwürde der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München
Was passiert neurophysiologisch, bei Aggressionsverhalten:
Aggression aus verschiedenen Blickwinkel betrachtet:
Gegenkonditionieren und Änderung der Emotion bei aggressivem Verhalten.
Aggression im Hundealltag
http://www.wuff.de/cms/Aggression-im-Hundeal.1764+M5d637b1e38d.0.html
Aggressionsverhalten
Aggressive Hunde: Dominanz oder Arthrose?
http://klartexthund.blogspot.de/2013/12/aggressive-hunde-dominanz-oder-arthrose.html
Wissenschaft:
Dominanzstrukturen bei Hunden.
http://hundeprofil.de/dominanz-der-versuch-einer-sachlichen-betrachtung/
http://hundeprofil.de/gibt-es-dominanzstrukturen-bei-hunden/
Die Körpersprache der Furcht, wenn diese Signale des Hundes nicht beachtet werden, kann es zu Abwehrreaktionen (Bisse) kommen.
Die meisten aggressiven Verhaltensweisen beim Hund entstehen aus Angst:
https://www.youtube.com/watch?v=Fq1LdD4MJnk
https://www.youtube.com/watch?v=RmVztpNiOCw
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Externe Links
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Quelle: JuraForum.de-Disclaimer | Online PR mit connektar.de





