Amygdala & Emotionen

Wie die Amygdala Reize bewertet, innere Zustände steuert und damit Emotionen und Verhalten beeinflusst.

„Aggression ist kein Verhalten, das der Hund absichtlich zeigt, sondern eine automatische Stressreaktion.“

Aggression, Amygdala und Geruch – neurophysiologische Zusammenhänge im Training

Oft wird behauptet, dass aggressives Verhalten belohnt würde, wenn man einem Hund in diesem Moment Futter anbietet.


Das ist aus Sicht des Körpers nicht möglich, da Aggression und Fressen gegensätzliche innere Zustände sind, die sich gegenseitig ausschließen.

 

Im folgenden Text werden die körperlichen Grundlagen dieser Zusammenhänge erläutert.


Im Mittelpunkt steht der innere Zustand, aus dem Verhalten entsteht, nicht eine moralische Bewertung von Verhalten.

Futter als Werkzeug zur Beeinflussung von Emotionen und innerem Zustand

1. Das vegetative Nervensystem als Grundlage innerer Zustände

Der innere Zustand eines Hundes wird maßgeblich durch das vegetative Nervensystem bestimmt.

 

Dieses besteht aus zwei gegensätzlichen Anteilen:

  • dem sympathischen Nervensystem

  • dem parasympathischen Nervensystem

Welches System gerade überwiegt, entscheidet darüber,

  • wie Reize aufgenommen und verarbeitet werden

  • welche Reaktionen dem Hund zur Verfügung stehen

  • ob Lernen und emotionale Stabilisierung möglich sind

Aggression, Angst und starke Erregung gehören zum sympathischen Nervensystem.


Fressen, Entspannung und Lernfähigkeit gehören zum parasympathischen Nervensystem.

2. Die Amygdala als Struktur zur Reizbewertung und Alarmsteuerung

Die Amygdala ist ein zentraler Teil des limbischen Systems.
Ihre Aufgabe ist es, Reize schnell daraufhin zu prüfen, wie bedeutsam sie für den Körper sind.

 

Dabei geht es unter anderem um:

  • mögliche Gefahr

  • Sicherheit

  • Einschätzbarkeit der Situation

  • wie dringend gehandelt werden muss

Diese Bewertung erfolgt oft sehr schnell, noch bevor eine bewusste Einordnung möglich ist.


Auf dieser Grundlage beeinflusst die Amygdala körperliche Reaktionen, Bewegungsabläufe und die Aktivierung weiterer Bereiche im Gehirn.

 

Emotionale Zustände entstehen durch das Zusammenwirken mehrerer Systeme, unter anderem:

  • Amygdala (Bedeutung des Reizes)

  • Hypothalamus (Steuerung körperlicher Reaktionen)

  • Hirnstamm (Aktivierung und Bewegung)

  • vordere Hirnbereiche (Einordnung und Regulation)

  • Rückmeldungen aus dem Körperinneren

Die Amygdala als Verbindung zwischen Reizbewertung und vegetativem Nervensystem

 

Die Amygdala steht in enger Verbindung mit dem vegetativen Nervensystem.

Ihre Reizbewertung entscheidet darüber, welcher der beiden Anteile – sympathisch oder parasympathisch – aktiviert wird.

 

Bewertet die Amygdala eine Situation als:

  • bedrohlich

  • unsicher

  • unvorhersehbar

leitet sie Signale an nachgeschaltete Hirnstrukturen weiter, insbesondere an den Hypothalamus.

Von dort aus wird das sympathische Nervensystem aktiviert. Der Körper schaltet in den Alarmzustand.

 

Wird eine Situation dagegen als:

  • sicher

  • kontrollierbar

  • vorhersehbar

bewertet, bleibt die Alarmreaktion aus oder wird gedämpft.


Das parasympathische Nervensystem kann aktiv werden, wodurch Ruhe, Verdauung und Lernfähigkeit möglich sind.

 

Die Amygdala steuert damit nicht direkt Verhalten, sondern die körperliche Ausgangslage, aus der Verhalten entsteht.

3. Aggression als körperlicher Alarmzustand

Aggressives Verhalten ist Ausdruck eines stark aktivierten körperlichen Zustands.

 

Bewertet die Amygdala einen Reiz als:

  • bedrohlich

  • unberechenbar

  • mit Kontrollverlust verbunden

wird das sympathische Nervensystem aktiviert.

Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch:

  • erhöhte Muskelspannung

  • schnelleren Herzschlag und schnellere Atmung

  • Ausschüttung von Stresshormonen

  • Ausrichtung auf Angriff, Abwehr oder Abstand

  • stark eingeschränkte Lern- und Aufnahmefähigkeit

Aggression ist damit ein Alarmzustand des Körpers, dessen Aufgabe die Gefahrenabwehr ist.

4. Amygdala-Aktivität und Steuerung von Verhalten

Mit zunehmender Aktivität der Amygdala verschieben sich die Prioritäten im Gehirn.

 

Typische Folgen sind:

  • schnellere Reaktionen

  • starke Fixierung auf den Auslöser

  • geringere Unterscheidung zwischen Reizen

  • Überwiegen automatischer Reaktionen

Hemmende und ordnende Prozesse treten in den Hintergrund.
Das Verhalten wird direkter, weniger anpassungsfähig und stärker auf Abwehr ausgerichtet.

5. Das sympathische Nervensystem: Stress und Alarm

Aggression ist an die Dominanz des sympathischen Nervensystems gebunden.

 

Aufgaben dieses Systems:
  • Bereitstellung von Energie

  • Vorbereitung auf Kampf oder Flucht

  • Vorrang für Gefahrenabwehr

  • Zurückstellen nicht lebenswichtiger Vorgänge

Wichtige Botenstoffe und Hormone

 

Adrenalin

  • beschleunigt Herzschlag und Muskelspannung

  • bereitet schnelle Reaktionen vor

  • hemmt Verdauung und feine Bewegungen

Noradrenalin

  • erhöht Wachsamkeit

  • verengt die Aufmerksamkeit auf den Auslöser

  • fördert schnelle, wenig flexible Reaktionen

Cortisol

  • hält den Stresszustand aufrecht

  • stellt Energie bereit

  • vermindert bei Dauerbelastung Lern- und Regulationsfähigkeit

6. Das parasympathische Nervensystem: Ruhe und Lernfähigkeit

Dem Alarmzustand steht das parasympathische Nervensystem gegenüber.

 

Aktivierung bei:
  • erlebter Sicherheit

  • überschaubaren Situationen

  • stabilen Rahmenbedingungen

Aufgaben dieses Systems:
  • Aktivierung der Verdauung

  • Entspannung der Muskulatur

  • Erholung und Regeneration

  • emotionale Stabilisierung

  • Lernen und Verarbeitung

Wichtige Botenstoffe:

 

- Acetylcholin
Serotonin
körpereigene Opioide
Dopamin

7. Gegensätzliche Zustände: Aggression und Fressen

Aggression gehört zum Alarmzustand.
Fressen erfordert Ruhe.

Diese Zustände schließen sich aus.


Aggression kann durch Futter daher nicht verstärkt bzw. nicht belohnt werden.

8. Der Bulbus olfactorius und die Verarbeitung von Gerüchen

Der Bulbus olfactorius leitet Gerüche direkt an Bereiche weiter, die an der Bewertung von Situationen beteiligt sind, unter anderem an:

  • Amygdala

  • Hippocampus

  • piriformen Cortex

Geruch ist damit ein besonders schneller Zugang zu emotionaler Bewertung.

9. Veränderung der Amygdala-Aktivität durch Geruch

Stark riechendes Futter führt zu:

  • stärkerer Aktivierung geruchsbezogener Netzwerke

  • Verschiebung dessen, was gerade wichtig erscheint

  • stärkerer Beteiligung von Ruhe- und Verdauungsprozessen

Die Bewertung durch die Amygdala passt sich dem Zusammenhang an.

10. Fressen als Veränderung des inneren Zustands

Kauen, Schlucken und Verdauen gehören zum Ruhe- und Erholungszustand.
Der Körper wechselt messbar in eine geringere Alarmbereitschaft.

 

Futter wirkt auf den inneren Zustand, nicht auf aggressives Verhalten selbst.

11. Gegenkonditionierung als Veränderung der Bewertung

Der auslösende Reiz bleibt vorhanden.
Gleichzeitig wird ein ruhigerer innerer Zustand aufgebaut.

 

Durch Wiederholung verändert sich die Bewertung dieses Reizes im Gehirn langfristig.

Fazit

Aggression kann durch Futter nicht belohnt werden, weil:

  • Aggression an Alarmreaktionen gebunden ist

  • Fressen einen Ruhezustand voraussetzt

  • die Amygdala Reize nach ihrer Bedeutung für den Körper bewertet

  • stark riechendes Futter diese Bewertung beeinflusst

  • Lernen einen stabilen inneren Zustand braucht

Der Einsatz von Futter ist damit körperlich begründet und Bestandteil eines sehr wichtigen, wissenschaftlich fundierten Trainingshilfsmittels zur Zustands- und Emotionsarbeit.

 

Er stellt jedoch nur einen Baustein von vielen dar und reicht allein nicht aus, um Emotionen und daraus folgendes Verhalten nachhaltig zu verändern.